Die Spitze des Eisbergs? Innenansichten der Internetplattform VroniPlag Wiki

By Deborah Weber-Wulff | August 10, 2012

Deborah Weber-Wulff at forschung-und-lehre.de (via Archivalia)

Durch die Mitarbeiter der Internetplattform „VroniPlag Wiki“ wurden seit 2011 etliche Plagiate in Doktorarbeiten prominenter Politiker aufgedeckt. So geschehen beim damaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, der daraufhin zurücktreten musste. Ein Gespräch mit einer Plagiatsjägerin über ihre Arbeit bei VroniPlag Wiki.

Forschung & Lehre: Seit seiner Gründung im März 2011 hat die Arbeit von VroniPlag Wiki dazu geführt, dass acht Personen der Öffentlichkeit ihren Doktortitel abgeben mussten. Ist dies nach Ihrer Einschätzung nur die Spitze des Eisbergs?

Debora Weber-Wulff: Ich fürchte, ja. Ich glaube kaum, dass zufällig alle plagiierten Doktorarbeiten inzwischen dokumentiert sind, denn eines wird bei der näheren Beschäftigung mit den Arbeiten sehr deutlich: Das ist kein Zufall. Es scheinen sich Unarten im Umgang mit fremden Quellen eingeschlichen zu haben, von „vergessenen“ Anführungszeichen über sog. Bauernopfer (die Quelle ist zwar angegeben, aber der Umfang der Übernahme wurde nicht deutlich gemacht) bis hin zu großflächigen Übernahmen, ggf. mit kleinen Editierungen, teilweise sogar aus der Wikipedia. Das deutet auf ein viel größeres Problem hin – der Umgang mit Texten scheint verlernt, bzw. gar nicht erst korrekt vermittelt worden zu sein.

F&L: Wenn auf mehr als zehn Prozent der Seiten Plagiate festgestellt wurden, wird der Autor der Dissertation im Wiki genannt. Warum ausgerechnet zehn Prozent? Wer hat das festgelegt?

Debora Weber-Wulff: Diese „Regel“ existiert so nicht im VroniPlag Wiki! Das ist irgendwann in der Presse gelandet und geistert seitdem dort herum. Es soll nicht sein, dass jemand wegen einer kleineren Übernahme gleich mit Namen genannt wird. Aber wenn es eine bedenkliche Menge an Übernahmen gibt – das können nur zehn von 400 Seiten sein, die aber komplett übernommen sind, oder ein Fünftel der Seiten mit immer wiederkehrenden Bauernopfern – dann kann der Autor genannt werden. Jedes Werk ist ein Einzelfall, und verlangt eine Einzelentscheidung.

F&L: VroniPlag Wiki wird aufgrund der strikten Geheimhaltung seiner Akteure kritisiert. Was ist der Grund für dieses Vorgehen?

Debora Weber-Wulff: Das stimmt so nicht ganz – mindestens drei der Aktiven, unter anderem ich, sind mit bürgerlichem Namen bekannt. Wenn man sieht, mit welchen Mitteln gegen meine Person agiert wird – Versuche, mich zu diskreditieren; absurde Vorwürfe des Mobbings; persönliche Bedrohungen bis hin zum Rat, dass ich aufpassen muss, weil man mich sonst umbringen würde –, kann man vielleicht verstehen, dass nicht jeder Lust darauf hat. Hier wird gegen den Überbringer der schlechten Nachrichten vorgegangen, statt gegen diejenigen, die schlechte wissenschaftliche Praxis an den Tag gelegt haben!

Letzten Endes ist es aber egal, wer die Akteure im Wiki sind – man kann sie anhand ihrer „Nicks“ zuverlässig zuordnen und die Qualität der jeweiligen Dokumentationen nachvollziehen. Alles ist im Wiki offen dokumentiert.

F&L: Kritik gab es auch an der Qualifikation der Mitglieder oder am methodischen Vorgehen der Plagiatsjäger. Ist sie berechtigt?

Debora Weber-Wulff: Um Textparallelen zu dokumentieren, braucht man keine besondere Qualifikation, außer Lesen und Schreiben zu können! VroniPlag Wiki beurteilt die Arbeiten nicht inhaltlich, obwohl es mir schon auf den Nägeln brennt, wenn ich sehe, dass die SuperIllu als Quelle für die Bevölkerungsstatistik angegeben wird oder eine preiswürdige Dissertation Übernahmen aus der Wikipedia enthält. Es wird lediglich dokumentiert. Es gehört allerdings eine gute „Forschernase“ dazu, die jeweils verwendeten Quellen aufzuspüren. Gute Kenntnisse von Recherchemethoden und des Angebotes an bibliothekarischen Hilfsmitteln sind schon notwendig; ein Auge für Details und Genauigkeit schadet auch nicht.

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